© 2016 Dolores Linggi | Web stehaltiner.ch

d i e  F a m i l i e 

Wir sprechen nicht mehr miteinander.

 

Der Tod hat die ganze Familie zum Schweigen gebracht. Zitto. Still.

 

Dass wir uns nie etwas zu sagen hatten, verstehe ich nur allmählich. 

 

Die Wellen schlagen über, bis an die Wand, wo ich vorher schon mit dem Rücken stand.

 

Drehst du dich im Tod? Bist du entrüstet, traurig. Du bist so schnell gegangen, voller Glück! Dir war lästig, was ich für dich tun wollte. Mit eingefallenem Gesicht hast du deine Runden gezogen, Kreise mit den Armen gezeichnet, ganze Choreographien in den nahenden Himmel gemalt, von denen nur du wusstest, wie sie klingen würden.

 

Uns hast du deinen Tod nicht abgenommen. Wir konnten ihn dir auch nicht. Die Metastasen waren überall, auch eine Rippe war entzwei, vom Krebs durchfressen, eat eat eat!      

                                   

Es ist ein Glühen und ein ständiges Wachsen in ungeheurer Schönheit. Wenn wir die Zellen zu tausendfach vergrössert sehen, sichtbar gemacht durch die Wissenschaft, in Violett und Rosatönen mit einem Hauch von Rot, manchmal, auch Blau oder Grün, wie ausserirdische Wesen, wie Meerestiere, die weder Augen noch Glieder haben, nur ein geheimer Mund wie der Seeigel, ansonsten unangreifbar und schön. 

 

Du.

 

Ich. 

 

½ Schwester. ½ Schwester. Stiefvater.

 

Hund. Vogel. Frosch. Hase auf dem Teller. Mein Stiefvater kannte weder Gnade noch Empathie. Wir assen, was wir zuvor liebten.